Gernot Blümel

Privater Gitarrenunterricht

Soundtracks 15.06.2016

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich die ersten Male bewusst mit Musik konfrontiert wurde. Quasi raus aus den kingergärtlichen, hirnwaschenden Liedern („er hat die Sache gut gemacht, drum wird er auch nicht ausgelacht…“), hinein in die schier unendliche Welt des Rock’n’Roll.

Dank gebührt meinem großen Bruder, der mich vor seine sorgfältig aufgebaute und gepflegte Anlage setzte und mir als erstes Deep Purple präsentierte.

„Hörst du das Schlagzeug?“, wies er mich wild mit den Armen in die Luft trommelnd hin. „Und den Bass? Gefällt dir der Bass?“, und am EQ der Anlage wurde noch der Bass raufgedreht, um den Bass tatsächlich unüberhörbar zu machen.

Das waren meine ersten Musikstunden, weiß ich heute. Instrumentenkunde. Und das bewusste, genaue Hinhören. Eintauchen in die Musik. Oft bin ich dann, natürlich nur mit Erlaubnis meines Bruders, allein im dunklen Zimmer gesessen, um Musik zu hören. Alles was möglich war rauszuhören.

Eigenstudium. Meine Eltern hatten einige Platten, durch die ich mich durchstöberte. Eine schöne bunte war auch dabei, mit einem Gitarristen drauf, dunkelhäutig, weiße Gitarre und einen ziemlich abgefahrenen Hut auf. Irgendwie anstrengend zu hören, aber ein Song lief dann ein paar Tage in Dauerschleife. Voodoo Chile (slight return).

Led Zeppelin. Da hatte mich die Musik endgültig. Und ich wollte Schlagzeuger werden. Wer will nicht Schlagzeuger werden, hat er erst mal John Bonham gehört? Wie es halt so ist – zu laut für eine Wohnung, aber in meinem Kopf spielte ich trotzdem.

In der Gymnasium Zeit stellte ich dann schon meine eigene CD Sammlung zusammen. Lenny Kravitz, Red Hot Chili Peppers, und und und. Hendrix kam mir erneut unter und ich kaufte mir eine CD, die ich dann auf den unzähligen Zugfahrten auf und ab hörte. War ja gar nicht mehr so anstrengend. So beschloss ich, Gitarre zu lernen…

Es soll ja keine Biografie werden, was ich hier schreibe. Worum es mir geht ist, dass ich Gott sei Dank zu einer Zeit aktiv Musik wahrzunehmen begann, als es noch möglich war, einen Soundtrack zu Lebenssituationen zu haben. Immer das passende Lied zu haben. Einfache Situationen beobachtend, mit Musik unterlegt, die man nur selbst hört, gewannen eine ganz andere Bedeutung.

Und jetzt?

Ich gönne mir gerne mal vorm Unterrichten einen Kaffee in einem Kaffeehaus. Leider gibt es kaum mehr Lokale, die ihre Playlists selbst zusammenstellen. Die meisten drehen einfach einen Radiosender auf und das war’s. Das Bild ist grausam. Jedes Mal dieselben Songs. UZ, UZ, UZ – Songs, die klingen, als wäre die Platte hängen geblieben, in denen es um so Dinge geht wie „waiting for the weekend“, „sexy hier sexy dort“, „Party“ blabla… ist das alles? Was soll das für ein Soundtrack sein?

Plattenläden gibt es keine mehr und die großen Ketten, die lieblosest CDs stapeln, in willkürlicher Ordnung, wo das „Fachpersonal“ verstört reagiert, wenn man sie nach einem bestimmten Musiker fragt? Kinder und Jugendliche, die sich rühmen, 1000e Songs auf ihren iPods zu haben (klarerweise alle aus dem Netz gesaugt), aber eh keinen Song wirklich anhören, sondern nur durchzappen? Macht das Spaß? Warum macht man sowas?

Ich bekomme wieder immer mehr Lust zu entschleunigen. Das Handy mal zuhause zu lassen, das Datennetzwerk abzudrehen, einfach mal nicht erreichbar zu sein, mir einen Kopfhörer aufzusetzen und meinen alten Discman zu aktivieren. Oder vielleicht sogar eine Kassette einzulegen. Und meinen Auftrag, meinen Schülern Musik zu ZEIGEN, noch ernster zu nehmen.

Denn was ist ein Leben, eine Geschichte, ohne Soundtrack…

Kommentare (1)   Kommentar abgeben

  • Wilfried, 15.06.2016 darauf antworten

    Oldtime

    Sorry Gernot, dass ich das jetzt so direkt schreibe: Du bist hoffnungsvoll altmodisch, und ... ich finde es gut so! Allerdings solltest du die Möglichkeiten die dir gegeben waren hoch einschätzen. Ich denke tust du ohnehin. Die Generation, meine Generation, welche diese Musik quasi "in statu nascendi" miterleben durfte, hatte allerdings mit anderen Widrigkeiten als der heutigen Gleichgültigkeit zu kämpfen. Exzessives hören von Deep Purple, Pink Floyd oder, Jehova mochte abhüten, Hendrix, waren mit möglicherweise Enterbung oder zumindest dreitägigem Hausarrest sanktioniert. Dass du deinen jüngeren) Schülern ein wenig davon vermitteln willst, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Ich danke dir dafür!